Kill Switch für Stablecoins: Berlin und Rom fordern Notbremse
Deutschland und Italien fordern einen EU-Mechanismus, der es der Europäischen Bankenaufsicht ermöglicht, systemrelevante Stablecoins im Krisenfall abzuschalten — mit weitreichenden Folgen für US-Dollar-Token in Europa.
Ein gemeinsamer Vorstoß mit Signalwirkung
Deutschland und Italien haben am 27. März 2026 ein gemeinsames Diskussionspapier vorgelegt, das die europäische Kryptoregulierung grundlegend verschärfen könnte. Der Vorschlag sieht einen sogenannten „Kill Switch" vor — einen Mechanismus, mit dem die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) globale Stablecoins im Krisenfall vollständig aus dem EU-Markt verbannen könnte.
Das Papier wurde im Vorfeld einer Arbeitsgruppensitzung zum Market Integration and Supervision Package (MISP) zirkuliert. Als Vorstoß der beiden größten Volkswirtschaften der Eurozone trägt es erhebliches politisches Gewicht.
So funktioniert die Notbremse
Der Vorschlag ruht auf drei Säulen:
- Äquivalenzprüfung: Nicht-EU-Stablecoin-Emittenten dürfen nur dann in Europa operieren, wenn die EU-Kommission das Regulierungsumfeld ihres Heimatlandes als gleichwertig anerkennt.
- Automatische Hochstufung: Grenzüberschreitende Stablecoin-Strukturen würden unabhängig von ihrer Marktgröße sofort als „signifikant" eingestuft und der strengsten EBA-Aufsicht unterstellt.
- Kill Switch: Die EBA müsste einen Stablecoin vollständig verbieten, wenn dessen Reserven-Transfermechanismus versagt, der Emittent schwerwiegend gegen Heimatregeln verstößt oder nachweislich gegen die Interessen europäischer Token-Inhaber handelt.
Warum jetzt? Systemische Risiken im Fokus
Der Hintergrund ist klar: Der Europäische Ausschuss für Systemrisiken (ESRB) hatte bereits im Oktober 2025 vor den Gefahren sogenannter Multi-Emittenten-Stablecoins gewarnt. Diese Token werden gleichzeitig in mehreren Ländern ausgegeben, wobei die Reserven auf verschiedene Jurisdiktionen verteilt sind.
Das Problem liegt auf der Hand: Wenn europäische Nutzer massenhaft ihre Token einlösen wollen, reichen die in der EU gehaltenen Reserven möglicherweise nicht aus. Die restlichen Mittel liegen auf US-Konten — potenziell blockiert durch amerikanische Vorschriften. „Ein Vertrauensverlust kann die Reserven eines Stablecoins in Stunden aufzehren, nicht in Monaten", heißt es im Papier.
Folgen für den Kryptomarkt
Die Auswirkungen wären erheblich. US-Dollar-Stablecoins machen rund 99 Prozent des weltweiten Angebots in einem 318-Milliarden-Dollar-Markt aus. Zwei Schwergewichte stehen im Fokus:
- USDC (Circle): Bereits seit Juli 2024 MiCA-konform, doch die geteilte US/EU-Struktur entspricht exakt dem Zielraster des Vorschlags. Die bisherige Compliance könnte künftig nicht mehr ausreichen.
- USDT (Tether): Wurde bereits von großen EU-Börsen wie Coinbase Europe und Kraken delistet. Der Vorschlag ändert an Tethers EU-Rückzug wenig.
Da die USA derzeit über kein vergleichbares Regelwerk verfügen, könnte der Vorschlag große Dollar-Stablecoins faktisch aus der EU ausschließen. Der US-amerikanische GENIUS Act wird voraussichtlich erst Ende 2026 operativ — und selbst dann ist fraglich, ob die EU ihn als äquivalent anerkennen würde.
Zwischen Souveränität und Innovation
Der Vorstoß verbindet finanzielle Stabilität mit geopolitischen Erwägungen. Deutschland und Italien betonen ausdrücklich „Stabilität und Souveränität" als Leitmotive — ein Signal, dass Europa seine Abhängigkeit von in Washington kontrollierten Finanzinstrumenten verringern will.
Kritiker aus der Kryptobranche warnen jedoch, dass eine zu strenge Regulierung Innovationen nach Asien oder in die USA vertreiben könnte. Die MISP-Verhandlungen laufen durch das gesamte Jahr 2026, eine Verabschiedung wird frühestens zwischen 2027 und 2029 erwartet. Bis dahin bleibt der Kill Switch ein Diskussionspapier — aber eines mit enormer Sprengkraft für die Zukunft digitaler Währungen in Europa.
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