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Amazonas-Insekten am Limit: Tödliche Hitze droht

Eine bahnbrechende Studie in Nature mit über 2.000 Insektenarten zeigt, dass steigende Temperaturen die Hälfte der Amazonas-Tieflandinsekten über ihre Überlebensgrenzen hinausdrängen könnten – mit kaum einem evolutionären Ausweg.

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Redakcia
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Amazonas-Insekten am Limit: Tödliche Hitze droht

Eine in Proteinen geschriebene Krise

Eine umfassende neue Studie, die im März 2026 in Nature veröffentlicht wurde, liefert eine der eindringlichsten Warnungen darüber, was der Klimawandel für die artenreichsten Ökosysteme der Welt bedeutet. Ein internationales Forschungsteam untersuchte mehr als 2.000 Insektenarten, die in unterschiedlichen Höhenlagen in Ostafrika und Südamerika gesammelt wurden, und stellte fest, dass tropische Tieflandinsekten bereits nahe an ihren absoluten Hitzegrenzen leben – und im Gegensatz zu ihren in den Bergen lebenden Verwandten haben sie fast keinen biologischen Spielraum zur Anpassung.

Die Zahlen sind alarmierend: Bis zu 52 % der prognostizierten zukünftigen Oberflächentemperaturen im Amazonas-Tiefland könnten die tödliche Schwelle für die Hälfte der lokalen Insektenpopulation überschreiten. Die Studie unter der Leitung von Dr. Kim Lea Holzmann von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und Dr. Marcell Peters von der Universität Bremen warnt davor, dass dies kein entferntes Szenario ist – es ist eine bereits begonnene Entwicklung.

Warum Tieflandarten gefangen sind

Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Forschung zeichnet einen deutlichen Kontrast zwischen Insekten in verschiedenen Höhenlagen. Arten, die in kühleren Bergwäldern leben, können ihre Hitzetoleranz vorübergehend durch physiologische Flexibilität erhöhen – ein Prozess, der als thermische Plastizität bekannt ist. Aber Insekten im heißen, feuchten Amazonasbecken verfügen weitgehend nicht über diese Fähigkeit. Sie haben sich in einer thermisch stabilen Umgebung entwickelt und haben keinen Puffer gegen weitere Erwärmung.

Der zugrunde liegende Grund, so fanden die Forscher heraus, liegt in der Biologie auf molekularer Ebene. Die Hitzetoleranz von Insekten wird weitgehend durch die strukturelle Stabilität ihrer Proteine bestimmt – und diese Eigenschaften sind über evolutionäre Linien hinweg tief konserviert. Sie können nicht schnell durch natürliche Selektion umgestaltet werden, egal wie stark der Druck ist.

"Arten in höheren Lagen können ihre Hitzetoleranz zumindest kurzfristig erhöhen, viele Tieflandarten haben diese Fähigkeit weitgehend nicht", sagte Dr. Holzmann.

Das Team analysierte Genomdaten von Hunderten von Arten – darunter Motten, Fliegen und Käfer – und verknüpfte Unterschiede in der thermischen Toleranz mit der Hitzestabilität von Proteinen. Das Ergebnis: Tropische Insekten stehen vor einer genomischen Grenze, die die Evolution nicht so einfach rechtzeitig anheben kann, um mit dem Tempo der anthropogenen Erwärmung Schritt zu halten.

Kaskadierende Folgen für ganze Ökosysteme

Die Auswirkungen gehen weit über die Insekten selbst hinaus. Insekten spielen in tropischen Ökosystemen unersetzliche Rollen: Sie bestäuben Pflanzen, zersetzen organische Stoffe und regulieren als Räuber und Beute Nahrungsnetze. Insekten machen etwa 70 % aller bekannten Tierarten aus, und der Amazonas beherbergt einen außergewöhnlichen Teil dieser Vielfalt.

"Steigende Temperaturen könnten massive Auswirkungen auf Insektenpopulationen haben, insbesondere in Regionen mit der höchsten Artenvielfalt der Welt", warnte Dr. Peters. Verliert man einen bedeutenden Teil der Insektenpopulationen, so hat dies Auswirkungen nach oben – auf Vögel, Reptilien, Amphibien und den Wald selbst.

Der Amazonas steht bereits unter dem Druck von Entwaldung, landwirtschaftlicher Expansion und Umweltverschmutzung. Ein klimabedingter Zusammenbruch seiner Insektenpopulationen würde diese Belastungen in einer Weise verstärken, die, wie die Forscher es ausdrücken, schwer vorherzusagen und schwer umzukehren ist.

Ein Aufruf zum Handeln, bevor sich das Fenster schließt

Die Studie ist eine direkte Herausforderung für optimistische Annahmen, dass sich tropische Arten einfach anpassen werden. Die genomischen Beweise deuten auf etwas anderes hin: Die Fähigkeit zur Hitzeanpassung ist nicht unbegrenzt, und für viele Tieflandinsekten ist sie möglicherweise bereits erschöpft. Die Autoren betonen, dass aggressive Emissionsreduktionen nach wie vor der einzige zuverlässige Hebel sind, um die Temperaturen innerhalb überlebensfähiger Grenzen für diese Populationen zu halten.

Für den Amazonas – Lunge des Planeten, Reservoir der Evolutionsgeschichte – ist die Botschaft dringend: Den Insekten, die seine Ökosysteme zusammenhalten, läuft die Zeit davon.

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