Gesundheit

Depression beginnt mit einem zellulären Energieversagen

Wissenschaftler der University of Queensland und der University of Minnesota haben entdeckt, dass Depressionen als Energiekrise in Gehirn- und Blutzellen beginnen könnten – wobei Mitochondrien in Ruhe übermäßig viel ATP produzieren, aber nicht auf Stress reagieren können, was eine biologische Erklärung für Müdigkeit und geringe Motivation bietet.

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Redakcia
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Depression beginnt mit einem zellulären Energieversagen

Das Paradoxon in depressiven Zellen

Seit Jahrzehnten wird Depression hauptsächlich durch die Brille der Gehirnchemie verstanden – Serotoninmangel, gestörte Dopaminbahnen, fehlgeleitete neuronale Schaltkreise. Eine bahnbrechende neue Studie, die in Translational Psychiatry veröffentlicht wurde, deutet jedoch darauf hin, dass die Störung einen grundlegenderen Ursprung haben könnte: eine zelluläre Energiekrise, die sich gleichzeitig im Gehirn und im Blutkreislauf abspielt.

Forscher des Queensland Brain Institute der University of Queensland und der University of Minnesota untersuchten junge Erwachsene im Alter von 18 bis 25 Jahren mit der Diagnose einer Major Depression (MDD). Ihre Ergebnisse widerlegen eine einfache Annahme: dass depressive Menschen einfach weniger Energie haben. In Wirklichkeit scheinen ihre Zellen härter zu arbeiten – aber nur bis zu einem gewissen Punkt.

Mitochondrien unter Druck

Das Team unter der Leitung von Dr. Katie Cullen von der University of Minnesota und Associate Professor Susannah Tye vom Queensland Brain Institute maß Adenosintriphosphat (ATP) – das Molekül, das praktisch jede Zellfunktion antreibt – auf zwei Arten. Mithilfe von Ultrahochfeld-7-Tesla-MRT mit Phosphor-31-Spektroskopie verfolgten sie die ATP-Produktion im visuellen Kortex des Gehirns. Parallel dazu maßen sie die ATP-Werte in peripheren mononukleären Blutzellen (PBMCs), die den Teilnehmern in Ruhe und unter induziertem metabolischem Stress entnommen wurden.

Die Ergebnisse zeigten ein frappierendes Paradoxon. Teilnehmer mit MDD zeigten im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen eine höhere ATP-Produktion im Ruhezustand sowohl in Gehirn- als auch in Blutzellen. Aber wenn diese Zellen belastet wurden – wenn der Energiebedarf stieg – stießen ihre Mitochondrien an eine Grenze. Sie konnten die Produktion einfach nicht so steigern, wie es gesunde Zellen konnten.

"Dies deutet darauf hin, dass Zellen möglicherweise früh in der Krankheit überlastet sind, was zu längerfristigen Problemen führen könnte", sagte Dr. Roger Varela, ein Forscher des Queensland Brain Institute, der an der Studie beteiligt war.

Müdigkeit ist nicht nur psychologisch

Diese Erkenntnis hat erhebliche klinische Auswirkungen. Müdigkeit, geringe Motivation und verlangsamtes Denken gehören zu den schwächendsten Symptomen von Depressionen – und zu den am schwersten zu behandelnden mit bestehenden Antidepressiva. Die neue Forschung deutet darauf hin, dass dies nicht nur psychische Zustände sind, sondern direkte Folgen einer mitochondrialen Dysfunktion.

Wenn der Körper einen Energiemangel wahrnimmt, kompensiert er dies, indem er die Basisproduktion hochfährt. Aber Mitochondrien, die bereits mit hoher Kapazität laufen, können nicht angemessen auf weitere Anforderungen reagieren. Das Ergebnis ist ein System, das im Ruhezustand funktionsfähig erscheint, aber chronisch unfähig ist, den Bedürfnissen des Gehirns unter Stress gerecht zu werden – gerade dann, wenn Motivation, Konzentration und emotionale Regulation am meisten benötigt werden.

Associate Professor Tye merkte an: "Müdigkeit ist ein häufiges und schwer zu behandelndes Symptom von MDD, und es kann Jahre dauern, bis die Betroffenen die richtige Behandlung für die Krankheit finden."

Ein Biomarker im Blut

Der vielleicht praktisch bedeutsamste Aspekt der Studie ist das, was sie über die Diagnose verrät. Zum ersten Mal zeigten Forscher, dass diese zelluläre Energiesignatur – die ATP-Biosignatur der Müdigkeit – gleichzeitig sowohl im Hirngewebe als auch im peripheren Blut auftritt. Das bedeutet, dass sie eines Tages durch einen einfachen Bluttest nachweisbar sein könnte, der die subjektiven Fragebögen, die derzeit die psychiatrische Beurteilung definieren, ersetzt oder ergänzt.

Dies eröffnet einen Weg zu einer objektiven, biologiebasierten Diagnose von Depressionen – etwas, das das psychiatrische Fachgebiet lange angestrebt, aber selten erreicht hat.

Behandlung neu denken

Die Ergebnisse weisen auch auf eine neue Klasse von Behandlungen hin. Anstatt nur auf Neurotransmittersysteme abzuzielen, könnten zukünftige Antidepressiva so konzipiert sein, dass sie die mitochondriale Effizienz verbessern – und den Zellen helfen, besser auf den Energiebedarf zu reagieren, anstatt das Gehirn einfach mit mehr Serotonin oder Dopamin zu überfluten. Solche Therapien könnten potenziell gezielter eingesetzt werden und weniger Nebenwirkungen haben als die derzeitigen Optionen.

Die Stichprobengröße der Studie war klein – nur neun depressive Teilnehmer absolvierten brauchbare Bildgebungssitzungen des Gehirns – und die Forscher räumen ein, dass die Einnahme von Medikamenten und komorbide Erkrankungen die Interpretation erschweren. Größere Studien sind erforderlich, bevor klinische Anwendungen möglich werden. Aber das Richtungssignal ist klar: Depression ist zumindest teilweise eine Stoffwechselerkrankung, und das Verständnis dafür könnte endlich Behandlungen ermöglichen, die für die Patienten funktionieren, die sie am meisten benötigen.

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