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Durchbruch bei Hirntumoren: Virus macht Glioblastom verwundbar

Amerikanische Forscher sind mit einem modifizierten Herpesvirus in der Lage, Immunzellen tief in das Glioblastom einzuschleusen und so die Überlebenschancen bei diesem bisher praktisch unheilbaren Hirntumor deutlich zu verbessern.

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Redakcia
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Durchbruch bei Hirntumoren: Virus macht Glioblastom verwundbar

Eine einzige Injektion öffnet den Weg für das Immunsystem

Forscher von Mass General Brigham und dem Dana-Farber Cancer Institute haben mit Hilfe eines modifizierten Herpesvirus einen Durchbruch bei der Behandlung von Glioblastomen erzielt. Laut ihren im März 2026 in der Fachzeitschrift Cell veröffentlichten Ergebnissen kann eine einzige Virusinjektion in den Tumor eindringen, Krebszellen zerstören und Immunzellen in die Tiefe des Tumors rekrutieren.

Das Glioblastom ist der aggressivste bösartige Hirntumor: Die durchschnittliche Überlebenszeit ab der Diagnose beträgt nur 12–15 Monate, und das Standardbehandlungsprotokoll ist seit zwanzig Jahren im Wesentlichen unverändert. Immuntherapien, die bei anderen Krebsarten revolutionäre Ergebnisse erzielt haben, sind beim Glioblastom bisher immer wieder gescheitert, da der Tumor die Immunantwort des Körpers äußerst wirksam unterdrückt.

Wie funktioniert das onkolytische Virus?

Die Grundlage der neuen Therapie ist ein genetisch verändertes Herpes-simplex-Virus, das so konzipiert ist, dass es sich ausschließlich in Glioblastomzellen vermehren kann – gesundes Gewebe bleibt unberührt. Wenn das Virus eine Krebszelle infiziert, zerstört es diese, und dann breiten sich Kopien auf benachbarte Tumorzellen aus. Dieser doppelte Wirkmechanismus tötet den Krebs nicht nur direkt ab, sondern programmiert auch die Mikroumgebung des Tumors um, wodurch T-Zellen – die „Soldaten“ des Immunsystems – in die Tiefe des Tumors eindringen können.

„Das Glioblastom ist ein notorisch »kalter« Tumor, in den kaum krebsbekämpfende Immunzellen eindringen", sagte Kai Wucherpfennig, Leiter der Abteilung für Krebsimmunologie am Dana-Farber. „Wir haben jetzt bewiesen, dass es möglich ist, diese kritischen Immunzellen in das Glioblastom zu bringen."

Vielversprechende klinische Ergebnisse

In der Phase-1-Studie wurden 41 Patienten mit rezidivierendem Glioblastom mit dem modifizierten Virus behandelt. Die Ergebnisse zeigten, dass die Behandlung im Vergleich zu Daten aus früheren, ähnlichen Patientengruppen zu einem längeren Überleben führte. Besonders bemerkenswert war, dass die stärkste Wirkung bei den Patienten beobachtet wurde, die bereits Antikörper gegen das Herpesvirus hatten – d. h. eine frühere Begegnung mit dem Virus paradoxerweise zu einem Vorteil wurde.

Die Forscher zeigten auch, dass zytotoxische T-Zellen dauerhaft im Tumor verblieben, und diejenigen, bei denen diese Immunzellen näher an den absterbenden Tumorzellen lokalisiert waren, erlebten ein signifikant längeres Überleben.

„Unsere Ergebnisse könnten wichtige Auswirkungen auf eine Krebsart haben, deren Behandlungsstandard sich seit zwanzig Jahren nicht geändert hat", sagte E. Antonio Chiocca, Direktor des Neurotumorzentrums von Mass General Brigham.

Was bedeutet das für Deutschland?

In Deutschland werden jährlich schätzungsweise 4000 neue Glioblastom-Diagnosen gestellt – dies ist die häufigste Art von bösartigen Tumoren, die vom Gehirn ausgehen. Die Krankheit betrifft typischerweise die Altersgruppe der 55- bis 60-Jährigen, wobei die Inzidenz bei älteren Menschen noch höher ist. Obwohl die aktuellen Ergebnisse aus einer frühen Phase-Studie stammen und es Jahre dauern kann, bis sie breit eingesetzt werden, gibt der Durchbruch Hoffnung für Patienten und ihre Familien, die an dieser bisher als praktisch unheilbar geltenden Krankheit leiden.

Der nächste Schritt ist die Einleitung größerer klinischer Phase-2-Studien, die die Wirksamkeit und Sicherheit der Therapie bestätigen können. Die Forscher sind optimistisch: Die Virus-basierte Immuntherapie könnte eine neue Ära in der Behandlung von Hirntumoren einleiten.

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