Wirtschaft

Russlands hybrider Krieg trifft Europas Infrastruktur

Russland eskaliert seine hybriden Operationen in ganz Europa: Eisenbahnsabotage, Drohnenangriffe und Cyberattacken testen systematisch die Widerstandsfähigkeit der NATO. Polen und die baltischen Staaten stehen an vorderster Front einer Kampagne, die darauf abzielt, die europäische Einigkeit in Bezug auf die Ukraine zu untergraben.

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Redakcia
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Russlands hybrider Krieg trifft Europas Infrastruktur

Eine Kampagne im Verborgenen

Als ein Zugbegleiter auf der Bahnstrecke Warschau-Ukraine im November 2025 beschädigte Gleise auf einer Viaduktbrücke entdeckte, ahnte er nicht, dass er gerade einen potenziellen Anschlag mit vielen Opfern verhindert hatte. Polnische Ermittler stellten später fest, dass zwei von russischen Geheimdiensten angeheuerte Personen Sprengsätze auf der Strecke platziert hatten. Wäre der Schaden unbemerkt geblieben, hätte eine Entgleisung Dutzende von Fahrgästen das Leben kosten können.

Der vereitelte Anschlag war kein Einzelfall. In ganz Europa haben russische hybride Operationen – eine Mischung aus Sabotage, Drohnenangriffen, Cyberattacken und Desinformation in einer einzigen, abstreitbaren Kampagne – ein Ausmaß erreicht, das die NATO-Regierungen zwingt, die Verteidigung ihres eigenen Territoriums grundlegend zu überdenken.

Dutzende Versuche pro Tag

Polen hat sich zum Epizentrum der verdeckten russischen Offensive entwickelt. Der Inlandsgeheimdienst des Landes verfolgt nach Angaben von NPR-zitierten Beamten inzwischen Dutzende täglicher Versuche, die Strom-, Transport- und digitale Infrastruktur zu stören. Polens geografische Lage – ein wichtiger Korridor für westliche Militärhilfe für die Ukraine – macht es zu einem Hauptziel.

Der russische Militärgeheimdienst hat einen Ansatz verfolgt, den das International Institute for Strategic Studies (IISS) als "Gig-Economy-Ansatz" für Sabotage bezeichnet: Er rekrutiert Staatsangehörige aus Drittländern über Telegram, bezahlt ihnen bescheidene Summen und steuert die Operationen aus der Ferne, um die Abstreitbarkeit zu wahren. Ein dokumentierter Fall betraf einen 27-jährigen kolumbianischen Staatsangehörigen, der online rekrutiert, in der Herstellung von Brandvorrichtungen geschult und mit der Aufgabe betraut wurde, Baustofflager niederzubrennen – und anschließend die Folgen für russische Staatsmedien zu filmen.

Das IISS, das nach eigenen Angaben die umfassendste Open-Source-Datenbank bestätigter und mutmaßlicher russischer Sabotageoperationen in Europa zusammengestellt hat, stellte im Vergleich zum Vorjahr einen vierfachen Anstieg solcher Operationen im Jahr 2024 fest, wobei sich das Tempo im Laufe des Jahres 2025 noch beschleunigte.

Drohnen und Luftraumverletzungen

Die Luftdimension der russischen hybriden Kampagne hat ein ebenso alarmierendes Ausmaß angenommen. Im September 2025 erzwangen nicht identifizierte Drohnen – die weithin Russland zugeschrieben werden – die Schließung der Flughäfen in Warschau, Rzeszów, Lublin und Modlin, was zu Hunderten von Flugausfällen führte. NATO-Generalsekretär Mark Rutte kündigte daraufhin die Initiative Eastern Sentry an und entsandte Streitkräfte aus Dänemark, Frankreich, dem Vereinigten Königreich und Deutschland, um die Ostgrenzen des Bündnisses zu verstärken.

Russische MiG-31-Jets verletzten im September ebenfalls kurzzeitig den estnischen Luftraum, was Tallinn veranlasste, Artikel 4 der NATO-Konsultationen zu aktivieren. GPS-Störungen, die von der russischen Exklave Kaliningrad aus gesendet werden, beeinträchtigen weiterhin fast täglich die baltische Luftfahrt und Schifffahrt. Auch über Militäranlagen in Belgien und dem größten Luftwaffenstützpunkt Dänemarks wurden Drohnen gesichtet.

Cyberangriffe auf Energie und Versorgungsunternehmen

Im Dezember 2025 traf ein groß angelegter, koordinierter Cyberangriff Dutzende von Energieinfrastruktureinrichtungen in ganz Polen. Die polnischen Behörden führten die Operation auf Electrum zurück, eine russische Hackergruppe mit dokumentierten Verbindungen zum russischen Geheimdienst. Der Angriff war Teil eines umfassenderen Musters der Sondierung von Wasserversorgungsunternehmen, Energienetzen und Kommunikationsnetzen in Spanien, Italien, Frankreich und Osteuropa im Laufe des Jahres 2025.

Die baltischen Staaten – Estland, Lettland und Litauen – haben einige der proaktivsten Gegenmaßnahmen ergriffen, darunter die vollständige Trennung vom russischen BRELL-Stromnetz aus der Sowjetzeit und die Synchronisierung mit dem europäischen Stromsystem. Lettland richtete ein eigenes Krisenmanagementzentrum ein; Litauen folgte mit einer ähnlichen Institution. Sicherheitsanalysten des Center for European Policy Analysis warnen jedoch, dass die baltische Koordination immer noch hinter dem Tempo der russischen Operationen zurückbleibt.

Die strategische Logik

Die Sicherheitsanalystin Ulrike Franke argumentiert, dass das Ziel des Kremls im Wesentlichen politischer Natur ist: "Wenn die Bevölkerung Angst bekommt, könnte sie auf eine versöhnlichere Haltung gegenüber Russland drängen und die Ukraine vielleicht weniger unterstützen." Indem Moskau wirtschaftliche Störungen verursacht und öffentliche Ängste schürt, zielt es darauf ab, den politischen Willen der europäischen Regierungen im Vorfeld künftiger Waffenstillstands- oder Friedensverhandlungen über die Ukraine zu untergraben.

Das IISS stellt fest, dass die europäischen Hauptstädte trotz der eskalierenden Bedrohung "Schwierigkeiten haben, zu reagieren" – es fällt ihnen schwer, sich auf einheitliche Gegenmaßnahmen zu einigen, die Geheimdienste zu koordinieren oder dem Kreml ausreichende Kosten aufzuerlegen. Da sich die hybride Kampagne im Vorfeld des Jahres 2026 noch verstärkt, steht Europa vor einer entscheidenden Bewährungsprobe, ob es seine Infrastruktur genauso wirksam verteidigen kann wie seine Rhetorik.

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