V4 fordert nach Iran-Konflikt gemeinsame EU-Gasreserven
Der Konflikt im Iran und die Schließung der Straße von Hormus haben in Europa einen neuen Energieschock ausgelöst. Die Länder der Visegrád-Gruppe reagieren mit der Forderung nach gemeinsamen strategischen Gasspeichern; die Slowakei, die wieder fast zu hundert Prozent von russischem Gas abhängig ist, ist besonders verwundbar.
Iranischer Schock erschüttert europäische Märkte
Die amerikanisch-israelischen Angriffe auf den Iran, die Ende Februar 2026 begannen, haben den größten Energieschock seit der russischen Invasion in der Ukraine ausgelöst. Der Iran reagierte mit Raketen- und Drohnenangriffen auf die Infrastruktur des Persischen Golfs und blockierte de facto die Straße von Hormus – die maritime Lebensader, durch die fast ein Fünftel des weltweiten Ölexports und rund 20 Prozent des globalen Handels mit Flüssigerdgas (LNG) fließen. Das katarische Staatsunternehmen QatarEnergy hat den Betrieb seiner LNG-Terminals eingestellt und höhere Gewalt für vertraglich vereinbarte Lieferungen erklärt.
Die europäischen Gaspreise reagierten mit einem beispiellosen Sprung: Der Benchmark TTF stieg innerhalb weniger Tage um mehr als 50 Prozent und erreichte den höchsten Stand seit 2023. Schätzungen von Goldman Sachs zufolge könnte eine einmonatige Schließung der Meerenge die Gaspreise in Europa um bis zu 130 Prozent in die Höhe treiben, schreibt Euronews.
Europäische Speicher gefährlich leer
Der Konflikt kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Europa ist in den März 2026 mit Gasspeichern gestartet, die nur zu rund 30 Prozent gefüllt sind – deutlich unter dem Fünfjahresdurchschnitt von rund 41 Prozent zur gleichen Jahreszeit. Deutschland meldete einen Speicherstand von 21 Prozent, Frankreich von rund 21 Prozent. Die Speicher sind 14 Milliarden Kubikmeter leerer als zur gleichen Zeit des Vorjahres, stellt der Brüsseler Thinktank Bruegel fest.
Die Analysten von Bruegel betonen, dass die während der Energiekrise 2022–2023 eingeführten Koordinierungsinstrumente – einschließlich der europäischen Koordinierung der Speicherbefüllung – unbedingt beibehalten und gestärkt und nicht demontiert werden müssen.
Slowakei wieder in der Risikozone
Für die Slowakei ist die Situation besonders heikel. Laut Bloomberg hat die Slovenský plynárenský priemysel (SPP) eine Ergänzung zum Vertrag mit Gazprom unterzeichnet, die ab April 2026 die Deckung des hundertprozentigen Verbrauchs des Unternehmens mit russischem Gas sicherstellt – geliefert über die Türkei und Ungarn durch die TurkStream-Pipeline. Dies ist eine radikale Abkehr vom vergangenen Jahr, als der Anteil von russischem Gas im Portfolio von SPP nach dem Stopp des Transits durch die Ukraine auf rund 33 Prozent gesunken war.
Zusammen mit Ungarn und Slowenien bleibt die Slowakei in der Kategorie der EU-Länder mit der höchsten Abhängigkeit von russischen Lieferungen. Gerade diese einseitige Abhängigkeit bildet den Kern der Argumentation slowakischer Vertreter: Sich auf eine einzige Quelle zu verlassen – egal ob sie Gazprom oder QatarEnergy heißt – ist aus Sicht der Energiesicherheit untragbar.
V4-Forderung: Gemeinsame Speicher für die Region
Die Visegrád-Gruppe (V4) – Slowakei, Polen, Ungarn und die Tschechische Republik – setzt sich traditionell für die Diversifizierung von Quellen, Lieferanten und Transitrouten ein. Der Iran-Konflikt hat dieser Agenda Dringlichkeit verliehen. Die Premierminister der V4-Länder haben die Europäische Kommission aufgefordert, rasch Verhandlungen über die Schaffung gemeinsamer strategischer Gasspeicher für die mitteleuropäische Region aufzunehmen – ein Prinzip analog zur kollektiven Verteidigung der NATO, angewandt auf die Energiesicherheit.
Die EU verfügt zwar über eine Verordnung zur Befüllung von Gasspeichern mit verbindlichen Zielen für die einzelnen Mitgliedstaaten, doch die mitteleuropäischen Länder haben die festgelegten Kriterien in der Vergangenheit nicht erreicht und sind jeweils individuell an die Speicherpolitik herangegangen. Ein gemeinsamer regionaler Rahmen könnte schneller und kosteneffizienter auf Lieferausfälle reagieren, so das Institut für Mitteleuropa.
Langfristige Antwort: Weniger Abhängigkeit, mehr Erneuerbare
Analysten warnen davor, dass der Iran-Schock nicht zu einer erneuten Vertiefung der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen führen darf – weder von russischen noch von katarischen. „Die europäische Anfälligkeit für geopolitische Schocks rührt von der anhaltenden Abhängigkeit vom Import fossiler Brennstoffe her, die auf volatilen Weltmärkten gehandelt werden", schreibt Bruegel. Die Lösung ist nicht die Verlangsamung der Energiewende, sondern die Beschleunigung des Einsatzes sauberer, im Inland produzierter Energiequellen.
Für die Slowakei bedeutet dies eine doppelte Herausforderung: kurzfristig die Sicherstellung ausreichender Gasvorräte für den Winter 2026/2027 und gleichzeitig die systematische Reduzierung der Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten. Die V4-Initiative kann ein erster Schritt sein – doch ohne eine ambitioniertere Energiewende bleibt Mitteleuropa Geisel jedes neuen geopolitischen Schocks.
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