Was ist die Universalgrammatik und teilen alle Sprachen sie?
Seit Jahrzehnten debattieren Linguisten darüber, ob alle menschlichen Sprachen einen verborgenen Bauplan teilen. Eine bahnbrechende Studie mit 1.700 Sprachen liefert neue Antworten auf die Frage, welche grammatikalischen Regeln in jedem menschlichen Gehirn fest verdrahtet sind.
Die älteste Frage der Linguistik
Jedes Kind auf der Erde, unabhängig von Kultur oder Umgebung, beginnt im Alter von drei oder vier Jahren, grammatikalisch strukturierte Sätze zu bilden – oft ohne formellen Unterricht. Diese bemerkenswerte Tatsache veranlasste den Linguisten Noam Chomsky, eine der einflussreichsten und umstrittensten Ideen der modernen Wissenschaft vorzuschlagen: die Universalgrammatik, die Theorie, dass alle menschlichen Sprachen einen gemeinsamen strukturellen Bauplan teilen, der in unserer Biologie kodiert ist.
Das Konzept hat seit Chomskys Formalisierung in den 1960er Jahren heftige Debatten ausgelöst. Folgen Sprachen wirklich gemeinsamen Regeln, oder ist jede Sprache ein einzigartiges Produkt von Kultur und Geschichte? Eine umfangreiche neue Studie, die über 1.700 Sprachen analysiert, hat neue Beweise für diese jahrzehntelange Auseinandersetzung geliefert.
Was die Universalgrammatik behauptet
Die Universalgrammatik (UG) geht davon aus, dass Menschen mit einer angeborenen biologischen Fähigkeit zur Sprache geboren werden – nicht mit Kenntnissen einer bestimmten Sprache, sondern mit einer Reihe von Einschränkungen, was eine menschliche Sprache sein kann. Kinder lernen Grammatik nicht von Grund auf; stattdessen nutzen sie eingebaute kognitive Mechanismen, um schnell Regeln aus der Sprache um sie herum zu extrahieren.
Chomskys stärkstes Argument ist die „Armut des Stimulus“. Kinder produzieren routinemäßig Sätze, die sie noch nie zuvor gehört haben, und vermeiden grammatikalische Fehler, die eine reine Nachahmung vorhersagen würde. Zum Beispiel bilden englischsprachige Kinder intuitiv Fragen unter Verwendung einer hierarchischen Satzstruktur anstelle von einfachen Wortstellungsregeln – etwas, das sie nach Chomskys Ansicht nicht allein aus dem Input lernen könnten.
Die Theorie sagt voraus, dass man bei der Untersuchung der etwa 7.000 Sprachen der Welt wiederkehrende Strukturmuster finden sollte – sogenannte sprachliche Universalien –, die Geografie und Abstammung transzendieren.
Testen der Theorie anhand von 1.700 Sprachen
Jahrzehntelang stützten sich Behauptungen über sprachliche Universalien auf relativ kleine Sprachstichproben. Das änderte sich mit Grambank, der größten Datenbank grammatikalischer Merkmale, die jemals zusammengestellt wurde und mehr als 1.700 Sprachen von jedem bewohnten Kontinent abdeckt.
Ein Forschungsteam unter der Leitung von Annemarie Verkerk von der Universität des Saarlandes und Russell D. Gray vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie nutzte diese Datenbank, um 191 vorgeschlagene Universalien mit rigorosen Bayes'schen statistischen Methoden zu testen, die sowohl die gemeinsame Abstammung als auch die geografische Nähe zwischen Sprachen berücksichtigen.
Ihr Urteil: etwa ein Drittel der vorgeschlagenen Universalien hielt der Prüfung stand. Das mag bescheiden klingen, ist aber ein starker Beweis dafür, dass sich Sprachen nicht zufällig entwickeln. Wie Gray es formulierte: „Gemeinsame kognitive und kommunikative Zwänge drängen Sprachen zu begrenzten grammatikalischen Lösungen.“
Zu den stärksten bestätigten Mustern gehörten Wortstellungs-Korrelationen. Sprachen, in denen das Objekt vor dem Verb steht (wie Japanisch), verwenden überwiegend Postpositionen – grammatikalische Marker, die nach Nomen platziert werden. Sprachen, in denen das Verb dem Objekt vorangeht (wie Englisch), verwenden stattdessen eher Präpositionen. Dieses Muster wiederholt sich in nicht verwandten Sprachfamilien weltweit.
Die Kritiker wehren sich
Der Universalgrammatik hat es nie an Gegnern gemangelt. Der Linguist Daniel Everett argumentierte bekanntlich, dass der amazonische Pirahã-Sprache vollständig eingebettete Klauseln fehlen – ein potenzielles Gegenbeispiel zu den Vorhersagen der UG. Andere Kritiker, darunter Geoffrey Pullum und die Evolutionslinguisten Morten Christiansen und Nick Chater, haben die UG an mehreren Fronten in Frage gestellt:
- Die enorme Vielfalt der Sprachen deutet darauf hin, dass kein einzelner Bauplan sie alle beherrscht
- Kinder lernen Grammatik möglicherweise durch soziale Interaktion und statistische Mustererkennung, nicht durch angeborene Regeln
- Ein genetisch kodiertes Grammatikmodul ist durch natürliche Selektion angesichts des relativ jungen evolutionären Aufkommens der Sprache schwer zu erklären
Ein alternativer Rahmen, die sogenannte verwendungsbasierte Linguistik, geht davon aus, dass Grammatik aus allgemeinen kognitiven Fähigkeiten entsteht – Gedächtnis, Mustererkennung, soziales Lernen – und nicht aus einem sprachspezifischen biologischen Modul.
Warum es über die Linguistik hinaus von Bedeutung ist
Die Debatte über die Universalgrammatik hat Auswirkungen, die weit über die akademische Welt hinausgehen. Wenn gemeinsame grammatikalische Strukturen wirklich fest in die menschliche Kognition verdrahtet sind, sagt uns das etwas Tiefgreifendes über die Architektur des menschlichen Geistes. Es beeinflusst, wie wir Sprachen unterrichten, KI-Sprachmodelle entwerfen und Entwicklungsstörungen verstehen, die die Sprache beeinträchtigen.
Die Grambank-Studie legt nahe, dass die Wahrheit zwischen den Extremen liegen könnte. Sprachen sind außerordentlich vielfältig, aber sie gruppieren sich um bestimmte strukturelle Lösungen – nicht aufgrund eines starren genetischen Bauplans, sondern weil menschliche Gehirne überall vor ähnlichen kommunikativen Herausforderungen stehen.
„Sprachen entwickeln sich nicht zufällig“, schloss Verkerk. „Es scheint sehr wahrscheinlich, dass es tief verwurzelte Prinzipien gibt, die bestimmen, wie effektive menschliche Kommunikationssysteme aufgebaut sind.“
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