Freundschaft-Krise: IEA-Rekord bringt Budapest wenig
Die historische Ölfreigabe der Internationalen Energieagentur basiert auf Seetransporten – genau dort, wo Ungarn und die Slowakei nicht davon profitieren können. Die Druschba-Pipeline steht seit Januar still, Orbán blockiert den 90-Milliarden-Euro-EU-Kredit, und die Wahlen am 12. April rücken näher.
Der IEA-Rekord, der Ungarn wenig hilft
Die Internationale Energieagentur (IEA) gab am 11. März die bisher größte koordinierte Ölfreigabe der Organisation bekannt: Die Mitgliedsstaaten werden insgesamt 400 Millionen Barrel Öl aus ihren strategischen Reserven freigeben, um die durch den Iran-Krieg ausgelöste globale Energiekrise einzudämmen. Die Maßnahme kommt jedoch – naturgemäß – vor allem Ländern zugute, die auf Seetransportrouten angewiesen sind. Ungarn und die Slowakei, die auf die landgebundene Druschba-Pipeline angewiesen sind, werden von dieser Entlastung kaum profitieren.
Geschlossene Pipeline, unsichere Reserven
Der südliche Strang der Druschba-Pipeline transportiert seit dem 27. Januar kein russisches Öl mehr durch ukrainisches Gebiet. Die ukrainische Seite verweist auf einen russischen Drohnenangriff, der die Infrastruktur in der Nähe von Brody schwer beschädigt habe. Budapest hingegen behauptet, die Stilllegung sei das Ergebnis einer politischen Entscheidung: Nach Einschätzung des ungarischen Geheimdienstes setzt Kiew den Transit bewusst aus, um Druck auf Ungarn auszuüben – insbesondere wegen der Budapester Haltung, die die europäische Integration der Ukraine behindert.
Ministerpräsident Viktor Orbán hat mehrfach betont, dass es keine technischen Hindernisse gebe und der Öltransport sofort wieder aufgenommen werden könne. Am 11. März trafen ungarische technische Experten in der Ukraine ein, um den betreffenden Abschnitt zu untersuchen, doch das Kiewer Außenministerium erkannte die Delegation formell nicht an – und bezeichnete die Experten sogar als „Touristen“.
Warum die IEA-Entscheidung nichts löst
Die von der IEA mobilisierten 400 Millionen Barrel – von denen 172 Millionen Barrel aus den strategischen Ölreserven der Vereinigten Staaten freigegeben werden – sollen die globalen Versorgungsengpässe beheben, die durch die Schließung der Straße von Hormus verursacht wurden. Der Iran-Konflikt dauert seit dem 28. Februar an; die Menge der Öl- und Ölprodukttransporte durch die Straße ist von zuvor 20 Millionen Barrel pro Tag auf einen Bruchteil gesunken, was sich auf die gesamte Weltwirtschaft auswirkt.
Das Problem ist, dass diese bahnbrechende Freigabe auf Seelogistik basiert. Ungarn und die Slowakei sind jedoch Binnenländer – ohne nennenswerte Seehäfen. Die Adria-Pipeline stellt zwar eine Alternative dar, doch die Transportkosten können bis zum Fünffachen der Kosten des Druschba-Systems betragen, was einen erheblichen Wettbewerbsnachteil darstellt. In der Zwischenzeit zehrt die Zeit an den strategischen Reserven beider Länder: Ungarn hält einen Bestand von etwa 96 Tagen, die Slowakei von etwa einem Monat.
Orbán blockiert den Kredit, Brüssel sucht nach Schlupflöchern
Budapest blockiert seit dem 20. Februar den für die Ukraine bestimmten EU-Kredit in Höhe von 90 Milliarden Euro mit der Bedingung, dass die Auszahlung nur bei Wiederherstellung des Öltransits erfolgen kann. Selenskyj hat jedoch deutlich gemacht, dass eine Wiederherstellung des Transits vor den ungarischen Parlamentswahlen am 12. April nicht zu erwarten ist. Die Europäische Kommission sucht nach einem Ausweg: Brüssel erwägt ein bilaterales Kreditpaket im Wert von 30 Milliarden Euro, das eine Entscheidung auf Gemeinschaftsebene vermeiden und damit das ungarische Veto umgehen würde. Der slowakische Ministerpräsident Fico drohte übrigens damit, dass auch Bratislava den Kredit blockieren würde, wenn Orbán die Wahl im April verliert.
Die Energiekrise als Wahlkampfwaffe
Die Frage der Energiesicherheit ist in Ungarn zu einem der wichtigsten innenpolitischen Themen geworden. Orbán liegt Umfragen zufolge zurück, und die harte Rhetorik gegen die Ukraine – einschließlich der Druschba-Pipeline-Affäre – ist zu einem Eckpfeiler des Wahlkampfs geworden. Während die Welt mit dem durch den Iran-Krieg verursachten Energieschock zu kämpfen hat, ist Mitteleuropa in eine besondere Krise geraten: Eine alte Pipeline ist zu einem politischen Instrument geworden, und die energetische Verwundbarkeit zweier Binnenländer steht auf dem Spiel. Der historische Schritt der IEA signalisiert, dass sich die Großmächte auf einen langen Konflikt einstellen – aber dieser Schritt macht in Budapest halt.
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