Kampfjet-Krise: Merz erwägt GCAP als FCAS-Alternative
Das europäische Kampfjet-Programm FCAS steckt in einer tiefen Krise: Während Airbus und Dassault seit Jahren über Industrierechte streiten, erwägt Deutschland den Beitritt zum britisch-italienisch-japanischen GCAP-Projekt — zum Entsetzen Frankreichs.
Europas Kampfjet-Krise spitzt sich zu
Das europäische Großprojekt FCAS (Future Combat Air System) steht vor dem Scheitern. Seit Jahren blockieren sich Airbus und Dassault Aviation gegenseitig in einem erbitterten Streit über Technologierechte und Industrieanteile — nun zieht Deutschland die Konsequenzen und erwägt den Beitritt zum konkurrierenden GCAP-Programm von Großbritannien, Italien und Japan.
Airbus gegen Dassault: Ein Streit ohne Ende
Seit 2017 ringen die europäischen Partner um die Grundlagen des gemeinsamen Kampfflugzeugs. Der Kern des Problems: Frankreich besteht auf einer Führungsrolle für Dassault Aviation, weil Paris das Projekt politisch angestoßen hat. Airbus hingegen fordert gleichberechtigte Mitbestimmung, da es zwei der drei Partnerländer — Deutschland und Spanien — vertritt.
Die Differenzen gehen jedoch tiefer als bloße Industriepolitik. Frankreich benötigt ein trägergestütztes Flugzeug mit der Fähigkeit, Atomwaffen zu tragen — eine Anforderung, die für die Bundeswehr schlicht irrelevant ist.
„Die Franzosen brauchen ein Flugzeug, das Atomwaffen tragen kann und von einem Flugzeugträger operiert. Das ist nicht das, was wir in der deutschen Bundeswehr derzeit brauchen"— so Bundeskanzler Friedrich Merz in aller Deutlichkeit.
Merz und Macron auf Kollisionskurs
Die Spannungen zwischen Berlin und Paris haben sich zuletzt erheblich verschärft. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verteidigt das FCAS-Programm vehement und plädiert für ein einziges gemeinsames europäisches Modell: „Wir Europäer haben ein Interesse daran, zu standardisieren, zu vereinfachen und deshalb ein gemeinsames Modell zu entwickeln." Merz hingegen signalisierte klar, dass Deutschland bereit ist, das Projekt aufzugeben, sollte keine zufriedenstellende Lösung gefunden werden. Endgültige Entscheidungen wurden auf direkte Gespräche zwischen beiden Staatschefs vertagt.
Die Zwei-Flugzeug-Lösung als Notausgang
Angesichts der festgefahrenen Lage brachten die deutsche Rüstungsindustrie und die IG Metall einen überraschenden Vorschlag ins Spiel: zwei verschiedene Flugzeugmuster statt eines gemeinsamen Designs. Airbus-Chef Guillaume Faury zeigte sich offen: „Wenn unsere Kunden dies so wünschen, würden wir eine Zwei-Kampfjet-Lösung unterstützen und sind bereit, dabei eine führende Rolle zu übernehmen." Der Ansatz würde technische Unvereinbarkeiten auflösen, wirft aber neue Fragen zur Wirtschaftlichkeit und zur strategischen Kohärenz des Gesamtprojekts auf.
GCAP als echte Alternative
Parallel dazu wächst das Berliner Interesse am GCAP (Global Combat Air Programme), dem Sechste-Generation-Kampfjet-Projekt von Großbritannien, Italien und Japan. Der italienische Verteidigungsminister Guido Crosetto erklärte, er könne sich eine deutsche Beteiligung vorstellen. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni soll beim deutsch-italienischen Gipfeltreffen Anfang 2026 gegenüber Merz Offenheit signalisiert haben, wie die Japan Times berichtete.
GCAP hat gegenüber FCAS einen wesentlichen Vorteil: Die Hauptauftragnehmer BAE Systems, Leonardo und Mitsubishi Heavy Industries kooperieren deutlich harmonischer. Der Erstflug eines Demonstrators ist für 2027/28 geplant, die Serienreife für 2035.
Was steht auf dem Spiel?
Der Ausgang des Streits hat weitreichende Folgen. Ein Scheitern von FCAS würde nicht nur Milliarden an Steuermitteln vernichten, sondern Europas Ambitionen gefährden, eine eigenständige Rüstungsindustrie aufzubauen. Ohne eigenes Sechste-Generation-Programm droht Europa, langfristig auf amerikanische F-35 oder andere Auslandsmodelle angewiesen zu bleiben — ein Szenario, das in Zeiten der Debatte über strategische Autonomie kaum jemand in Brüssel oder Berlin begrüßen würde. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob FCAS noch zu retten ist — oder ob Deutschland tatsächlich den Weg zu GCAP einschlägt.
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