Wirtschaft

Tschechien wächst, aber 40 % der Haushalte können grundlegende Ausgaben nicht decken

Eine neue Studie zeigt, dass vierzig Prozent der tschechischen Haushalte Schwierigkeiten haben, ihre grundlegenden monatlichen Ausgaben zu decken, obwohl die tschechische Wirtschaft zu den gesündesten in der EU gehört. Präsident Pavel warnte vor einer Isolation nach dem Vorbild Ungarns und der Slowakei.

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Redakcia
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Tschechien wächst, aber 40 % der Haushalte können grundlegende Ausgaben nicht decken

Wirtschaftliches Paradox: Steigende Löhne, wachsende Sorgen

Die tschechische Wirtschaft weist gesunde Zahlen auf. Das Bruttoinlandsprodukt stieg im Jahr 2025 um 2,5 Prozent, die Reallöhne sollen im Jahr 2026 um 2,7 Prozent steigen – eines der schnellsten Wachstumsraten in der gesamten Europäischen Union. Dennoch zeichnet eine neue Studie ein beunruhigendes Bild: Vierzig Prozent der tschechischen Haushalte haben Schwierigkeiten, ihre grundlegenden monatlichen Ausgaben zu decken. Dieses Paradox wird zu einem zentralen Thema im Vorwahlkampf.

Wer hat es am schwersten?

Am schlechtesten geht es Alleinerziehenden und alleinlebenden Senioren. Laut Daten von PAQ Research und Český rozhlas leben bis zu 62 Prozent der alleinlebenden Senioren unterhalb der europäischen Armutsgrenze – der EU-Durchschnitt liegt bei 28 Prozent. Bei Alleinerziehenden liegt der Anteil der Haushalte in Armut zwischen 36 und 43 Prozent. Etwa ein Viertel aller tschechischen Haushalte kann sich nur die grundlegendsten Lebensmittel leisten.

Die Hauptursachen sind steigende Wohn- und Energiekosten. Die Wohnkosten sind im Jahresvergleich um 6,7 Prozent gestiegen, wobei Haushalte in Mietwohnungen durchschnittlich ein Drittel ihres Einkommens für Wohnen ausgeben. Bei den schutzbedürftigsten Gruppen kann der Anteil der Wohnkosten 40 Prozent des Gesamteinkommens übersteigen. Paradoxerweise beziehen nur sechs Prozent der anspruchsberechtigten Haushalte Wohngeld, obwohl ein Drittel aller Haushalte Anspruch darauf hätte.

Gesunde Wirtschaft, ungleicher Nutzen

Die Tschechische Republik gehört zu den gesündesten Volkswirtschaften der Europäischen Union – in einer kürzlichen Bewertung belegte sie etwa den achten Platz von siebenundzwanzig Mitgliedsstaaten. Das Finanzministerium geht von einem Wirtschaftswachstum von rund 2,2 Prozent im Jahr 2026 aus. Die Reallöhne sollen um 2,7 Prozent steigen; ein höheres Tempo plant in der gesamten EU nur Ungarn.

Dennoch kommen die Früchte dieses Wachstums nicht gleichmäßig an. Die Vermögenskluft vertieft sich: Während ein Teil der Gesellschaft profitiert, bleiben schutzbedürftige Gruppen – Mieter, Familien mit einem Elternteil, aber auch Teile der Mittelschicht – hinter der Entwicklung zurück. Ökonomen warnen, dass die Reallöhne die Verluste, die durch die Inflationswelle der Jahre 2021 bis 2023 entstanden sind, noch nicht ausgeglichen haben.

Pavel: Ein Weg wie Ungarn führt in eine Sackgasse

Vor dem Hintergrund dieser sozialen Spannungen warnte Präsident Petr Pavel vor geopolitischen Gefahren. In der Debatte über die außenpolitische Ausrichtung Tschechiens betonte er, dass das Land vor einer grundlegenden Wahl stehe: Entweder bleibe es ein aktiver und verlässlicher Partner innerhalb der Europäischen Union, oder es gleite in die internationale Isolation ab. Als abschreckende Beispiele nannte er Ungarn und die Slowakei, deren Abkehr von einer pro-europäischen Politik zu einem Verlust an Einfluss und diplomatischem Kapital in Brüssel geführt habe.

Auf dem Gipfeltreffen der Visegrád-Gruppe in Ungarn rief Pavel zur aktiven Beteiligung am Geschehen in der Union auf und warnte vor extremen Positionen auf beiden Seiten. „Wir sind bereit, konstruktive Vorschläge zu machen, wie diese Probleme vielleicht effektiver gelöst werden können", sagte der Präsident damals. Experten weisen gleichzeitig darauf hin, dass sich Tschechien nicht erlauben kann, in die gleiche Kategorie wie Budapest und Bratislava eingeordnet zu werden – das Risiko eines Einflussverlusts bei EU-Verhandlungen ist real.

Soziale Unterschiede als Wahlkampfthema

Die Verknüpfung von wirtschaftlicher Ungleichheit mit der Frage der außenpolitischen Ausrichtung zeichnet ein komplexes Feld, auf dem sich die tschechische politische Debatte in den kommenden Monaten abspielen wird. Die Frustration von Haushalten, die mit Wohn- und Energiekosten zu kämpfen haben, bildet einen Nährboden für populistische Versprechen und euroskeptische Stimmungen – genau die Art von Politik, vor der Pavel warnt.

Diese Gleichung zu lösen – wirtschaftlichen Optimismus mit möglichst vielen Tschechen zu teilen und gleichzeitig einen pro-europäischen Kurs beizubehalten – bleibt wohl die größte Herausforderung für die tschechische Politik im Jahr 2026.

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