Wirtschaft

Merz' Rüstungswende: 600 Milliarden für Deutschland

Kanzler Friedrich Merz treibt das größte Aufrüstungsprogramm der deutschen Nachkriegsgeschichte voran. Das Verteidigungsbudget 2026 beträgt über 108 Milliarden Euro — doch die Industrie stößt bereits an ihre Grenzen.

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Redakcia
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Merz' Rüstungswende: 600 Milliarden für Deutschland

Historische Zeitenwende im Bundeshaushalt

Deutschland rüstet auf wie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr. Das Verteidigungsbudget für 2026 erreicht die Rekordmarke von 108,2 Milliarden Euro — zusammengesetzt aus 82,7 Milliarden Euro im regulären Einzelplan 14 und 25,5 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Bundeswehr. Gegenüber 2025 entspricht das einem Zuwachs von rund 21,7 Milliarden Euro. Kanzler Friedrich Merz hat die Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben faktisch außer Kraft gesetzt und damit den finanzpolitischen Rahmen für ein Programm geschaffen, das über zehn Jahre bis zu 600 Milliarden Euro mobilisieren könnte — sofern Deutschland das NATO-Ziel von 3,5 Prozent des BIP bis 2029 konsequent verfolgt.

Rheinmetall und die Großen der Branche

Europas größter Rüstungskonzern, Rheinmetall, profitiert am deutlichsten. Der Düsseldorfer Konzern peilt für 2026 ein Umsatzplus von 40 bis 45 Prozent an und hält einen Auftragsbestand — den sogenannten Backlog — von 63,8 Milliarden Euro. Bis 2030 will das Unternehmen seinen Umsatz auf 50 Milliarden Euro vervierfachen und expandiert bereits aggressiv: Die Mitarbeiterzahl stieg in drei Jahren von 23.000 auf 31.000. Auch Diehl Defence wuchs von 2.800 auf 4.400 Beschäftigte. Die Bundeswehr plant allein bei der Rüstungsbeschaffung Ausgaben von knapp 48 Milliarden Euro, davon 14,8 Milliarden Euro für Munition — der höchsten Einzelposten.

Der Mittelstand entdeckt die Verteidigung

Abseits der Rüstungsriesen vollzieht sich ein stiller Strukturwandel im deutschen Mittelstand. Unternehmen wie Hirsch Engineering, früher zu 95 Prozent von der Automobilindustrie abhängig, haben ihren Umsatz durch den Wechsel in die Rüstungslieferkette verdoppelt — heute kommt die Hälfte der Aufträge aus dem Verteidigungsbereich. Rund 1.350 mittelständische Unternehmen sind in Deutschland bereits in der Verteidigungsindustrie aktiv. Selbst traditionsreiche Firmen wie Bosch und Trumpf — deren Gründerfamilie einst Anti-Waffen-Klauseln in die Satzung schrieb — prüfen inzwischen den Einstieg in das Segment. Auch die KI-Branche profitiert: Start-ups wie Avilus entwickeln autonome Drohnen für den Sanitätsdienst, mit potenziellem Bedarf von über 200 Einheiten allein für die Bundeswehr.

Engpässe und strukturelle Grenzen

Doch der Boom hat Risse. Vorhandene Produktionskapazitäten sind bereits ausgelastet — eine kurzfristige Ausweitung ist kaum möglich. Bei Artilleriemunition im Kaliber 155 mm fehlt Deutschland ein NATO-kompatibler 30-Tage-Vorrat; eine neue Munitionsfabrik in Unterlüß soll ab 2027 jährlich rund 200.000 Geschosse produzieren, doch das reicht nicht. Sicherheitsüberprüfungen für neues Produktionspersonal verlangsamen den Kapazitätsaufbau zusätzlich. Erschwerend kommt hinzu: Laut dem Wirtschaftsanalysten Patrick Kaczmarczyk bringt jeder für das Militär ausgegebene Euro bestenfalls 50 Cent an wirtschaftlicher Zusatzleistung. Und: Nur 48 Prozent der Rüstungsaufträge gehen an inländische Hersteller — fast 20 Prozent fließen vollständig ins Ausland.

Kann Rüstung die Wirtschaft retten?

Der Verteidigungssektor beschäftigt in seinem Kernbereich rund 17.000 Menschen — die Automobilindustrie verlor zuletzt monatlich 10.000 bis 15.000 Stellen. Die strukturellen Dimensionen sind schlicht unvergleichbar. Analysten warnen, dass die Konzentration auf Rüstungsproduktion Ressourcen von der dringend nötigen Transformation der Industrie — etwa in der Elektromobilität — ablenkt. Das Rüstungsprogramm unter Merz ist historisch und notwendig aus sicherheitspolitischer Sicht. Als wirtschaftliches Allheilmittel für Deutschlands Industriekrise taugt es jedoch nicht.

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