Wirtschaft

Treibstoffkrise: Kleinsttankstellen droht der Zusammenbruch

Die Betreiber unabhängiger Tankstellen in Ungarn bereiten sich auf Proteste und Massenschließungen vor, während die Regierung einen Preisstopp eingeführt und eine gemeinsame Pipeline mit der Slowakei plant.

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Redakcia
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Treibstoffkrise: Kleinsttankstellen droht der Zusammenbruch

„Schlimmer als 2022“

Die Betreiber unabhängiger Tankstellen in Ungarn befinden sich in einer zunehmend verzweifelten Lage. Laut dem Verband unabhängiger Tankstellen ist die aktuelle Situation „schlimmer als 2022“, als der damalige Preisstopp die kleineren Akteure an den Rand des Sektors drängte. Die Betreiber drohen mit organisierten Protesten, Massenschließungen und Tankbeschränkungen – an einigen Tankstellen wird die gleichzeitig abnehmbare Treibstoffmenge bereits auf maximal 2 Liter begrenzt.

„Die Verzweiflung in der gesamten Branche ist riesig“, sagte Gábor Egri, Experte des Verbandes, gegenüber G7. Für die kleineren, oft als Familienunternehmen geführten Tankstellen ist die derzeitige Gewinnspanne nicht tragbar: Das aus strategischen Reserven versprochene vergünstigte Benzin deckt nur 25–30 Prozent des gesamten Umsatzes ab, so dass die durchschnittliche Gewinnspanne kaum 8–10 Forint pro Liter beträgt – weit unter dem rentablen Niveau.

Preisstopp und strategische Reserven

Ministerpräsident Viktor Orbán berief am 9. März 2026 eine außerordentliche Kabinettssitzung ein und kündigte anschließend in einem Facebook-Video die Wiedereinführung des Treibstoff-Preisstopps an. Gemäß der Regierungsverordnung darf der Liter 95er Benzin höchstens 595 Forint und der Diesel 615 Forint kosten – die Maßnahme trat am 10. März in Kraft und gilt ausschließlich für Fahrzeuge mit ungarischem Kennzeichen.

Auslöser für die Entscheidung war der Preisanstieg für Brent-Rohöl: Der Preis pro Barrel stieg infolge des Nahostkonflikts und der Stilllegung der Erdölleitung Freundschaft (Druschba) vorübergehend auf 120 Dollar. Der Ungarische Kohlenwasserstoff-Lagerhaltungsverband gab 352 Millionen Liter Benzin und 610 Millionen Liter Diesel frei, um eine reibungslose Versorgung zu gewährleisten.

Die Betreiber unabhängiger Tankstellen behaupten jedoch, dass sie von dem vergünstigten Treibstoff nichts erhalten hätten. Neben dem versprochenen Rabatt von 35 Forint pro Liter belaufen sich die Betriebskosten auf 32–35 Forint pro Liter – der tatsächliche Gewinn ist also praktisch Null.

Slowakisch-ungarische Pipeline für Unabhängigkeit

Zur Linderung der Krise arbeitet die Regierung auch an einer langfristigen Lösung. Außenminister Péter Szijjártó und die slowakische Wirtschaftsministerin Denisa Saková unterzeichneten am 16. März 2026 in Brüssel das Abkommen über den Bau einer gemeinsamen Treibstoffpipeline. Die 127 Kilometer lange Pipeline verbindet die Raffinerien in Százhalombatta und Bratislava mit einer Transportkapazität von 1,5 Millionen Tonnen Benzin und Diesel pro Jahr. Die Übergabe ist für die erste Hälfte des Jahres 2027 geplant.

„Diese Pipeline stellt einen Mehrwert für die Energiesicherheit Ungarns dar, insbesondere im Bereich der Dieselversorgung“, betonte Szijjártó. Das Projekt ist eine direkte Reaktion auf die Einstellung des ukrainischen Transits am 27. Januar 2026, die beide Länder empfindlich getroffen hat.

Politisches Risiko vor den Wahlen im April

Die Treibstoffkrise verschärft sich in einer besonders heiklen Zeit: In Ungarn finden im April Parlamentswahlen statt. Die Erfahrungen mit dem Preisstopp von 2021–2022 – der zu Versorgungsengpässen und Tankstellenschließungen führte – dienen als Warnung. Ein Betreiber einer Kleinsttankstelle erklärte gegenüber Telex: „Wir sind opferbar“ – und deutete an, dass die Regierung den Sektor nach den Wahlen leicht fallen lassen könnte.

Es steht nicht nur Wirtschaftliches auf dem Spiel: Wenn die unabhängigen Tankstellen tatsächlich Proteste organisieren oder massenhaft schließen, könnte dies den ländlichen Verkehr und die Lieferketten lahmlegen – gerade dann, wenn die Regierung am wenigsten einen neuen Krisenherd gebrauchen kann.

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