Venezuela entlässt Tausende im Rahmen eines historischen Amnestiegesetzes
Die Übergangsregierung Venezuelas behauptet, dass über 3.200 Menschen im Rahmen eines umfassenden neuen Amnestiegesetzes freigelassen wurden. Unabhängige Menschenrechtsbeobachter sagen jedoch, dass Hunderte von verifizierten politischen Gefangenen weiterhin inhaftiert sind, was Zweifel am Ausmaß des Durchbruchs aufkommen lässt.
Ein dramatischer Umschwung nach Maduros Sturz
Venezuelas amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez unterzeichnete am 20. Februar 2026 ein umfassendes Amnestiegesetz, das eine der bedeutendsten politischen Kehrtwenden in der jüngeren Geschichte des Landes darstellt. Die Gesetzgebung folgt der US-Militäroperation im Januar, die den ehemaligen Präsidenten Nicolás Maduro von der Macht entfernte – eine seismische Verschiebung, die Caracas zwang, sich mit seiner lange geleugneten Bilanz politischer Inhaftierungen auseinanderzusetzen.
Das Gesetz gewährt eine "allgemeine und vollständige" Amnestie für Personen, die wegen politischer oder damit zusammenhängender Straftaten, die bis ins Jahr 1999 zurückreichen, dem Beginn der Präsidentschaft von Hugo Chávez, strafrechtlich verfolgt oder verurteilt wurden. Dieser weite Zeitraum umfasst die Tausenden, die während der Protestwellen in den Jahren 2014, 2017, 2019 inhaftiert wurden, sowie die mehr als 2.000, die in den chaotischen Nachwehen der umstrittenen Präsidentschaftswahlen 2024 verhaftet wurden.
Behauptungen der Regierung vs. Realität vor Ort
Die venezolanische Nationalversammlung hat die Ergebnisse des Gesetzes rasch verkündet. Der Abgeordnete Jorge Arreaza, der die Umsetzungskommission leitet, berichtete, dass in den ersten Tagen nach Inkrafttreten des Gesetzes mehr als 4.200 Amnestieanträge eingegangen seien. Beamte gaben bekannt, dass 3.052 Personen, die sich zuvor in Hausarrest oder anderen restriktiven Maßnahmen befanden, die volle Freiheit gewährt wurde, sowie 179 Personen, die direkt aus dem Gefängnis entlassen wurden – was die Schlagzeile auf über 3.200 Freigelassene brachte.
Aber die Zahlen der Regierung werden ernsthaft in Frage gestellt. Die in Venezuela ansässige Gefangenenrechtsgruppe Foro Penal hat seit Inkrafttreten des Gesetzes unabhängig nur 91 politische Freilassungen verifiziert. Die Organisation sagt, dass etwa 600 Menschen aus politischen Gründen inhaftiert bleiben, wobei mindestens 232 Fälle aufgrund der Ausschlussklauseln des Gesetzes als nicht amnestiefähig gelten.
Das Kleingedruckte
Kritiker haben sich auf eine wichtige Ausnahme in der Gesetzgebung konzentriert: Sie schließt ausdrücklich eine Amnestie für diejenigen aus, die wegen "Förderung oder Erleichterung bewaffneter oder gewaltsamer Aktionen" durch ausländische Akteure gegen die Souveränität Venezuelas strafrechtlich verfolgt werden. Menschenrechtsaktivisten warnen, dass diese Formulierung weit genug gefasst ist, um viele Oppositionsfiguren und Aktivisten zu erfassen, die die Behörden in der Vergangenheit mit genau solchen Anklagen ins Visier genommen haben.
Das Gesetz schließt auch Personen aus, die wegen vorsätzlichen Totschlags, Drogenhandels, militärischer Rebellion und schwerer Menschenrechtsverletzungen verurteilt wurden – internationale Standardausschlüsse, die nach Ansicht von Interessenverbänden im venezolanischen Kontext oft falsch angewendet wurden.
Internationale Reaktion
Die Vereinten Nationen begrüßten die Amnestie "mit Vorsicht" und forderten, dass sie für alle Opfer unrechtmäßiger Strafverfolgung gelten und in einen umfassenderen Rahmen der Übergangsjustiz eingebettet sein muss, der mit internationalen Standards übereinstimmt. Auch Oppositionspolitiker schlugen einen gemäßigten Ton an und bezeichneten sie als "einen großen Schritt nach vorn", räumten aber gleichzeitig ein, dass sie "nicht perfekt" sei.
Familien noch inhaftierter Gefangener haben nicht geduldig gewartet. Einige haben vor Haftanstalten protestiert, andere haben Hungerstreiks begonnen, um die Freilassung von Angehörigen zu fordern, die trotz des Inkrafttretens des Gesetzes hinter Gittern bleiben.
Ein Test für Venezuelas Übergang
Die Kluft zwischen den umfassenden Behauptungen der Regierung und den unabhängig verifizierten Freilassungen verdeutlicht die Fragilität des politischen Übergangs in Venezuela. Nach Jahrzehnten der autoritären Konsolidierung unter Chávez und Maduro sagen internationale Beobachter, dass das Amnestiegesetz allein keinen Ersatz für eine systemische Justizreform darstellen kann. Wie gewissenhaft es umgesetzt – und wie ehrlich darüber berichtet – wird, wird als ein erster Test dafür dienen, ob die Ära nach Maduro eine echte demokratische Öffnung oder lediglich ein Rebranding derselben Machtstrukturen darstellt.
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