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Europa setzt 2 Mrd. Euro auf erstes kommerzielles Fusionskraftwerk

Das deutsche Unternehmen Proxima Fusion hat eine bahnbrechende Vereinbarung mit RWE, Bayern und dem Max-Planck-Institut unterzeichnet, um Europas erstes kommerzielles Stellarator-Fusionskraftwerk zu bauen, unterstützt durch ein Finanzierungspaket von 2 Milliarden Euro.

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Redakcia
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Europa setzt 2 Mrd. Euro auf erstes kommerzielles Fusionskraftwerk

Eine historische Wette auf saubere Fusionsenergie

Am 26. Februar unternahm ein Münchner Startup den vielleicht kühnsten Schritt, um die Kernfusion von einem Labortraum in eine kommerzielle Realität zu verwandeln. Proxima Fusion unterzeichnete eine bahnbrechende Absichtserklärung mit dem Energieriesen RWE, dem Freistaat Bayern und dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP), um Europas erstes kommerzielles Stellarator-Fusionskraftwerk zu bauen – unterstützt durch ein Finanzierungspaket von rund 2 Milliarden Euro.

Die Ankündigung positioniert Deutschland an der Spitze eines globalen Wettlaufs um die Nutzung der Fusionsenergie, die nahezu unbegrenzte, kohlenstoffarme Elektrizität ohne die langlebigen radioaktiven Abfälle verspricht, die mit der herkömmlichen Kernspaltung verbunden sind.

Zwei Phasen, zwei Standorte

Das Projekt entfaltet sich in zwei Phasen. Zuerst kommt Alpha, ein Demonstrations-Stellarator, der in Garching vor den Toren Münchens in der Nähe des IPP-Campus gebaut werden soll, wo seit Jahrzehnten Fusionsforschung betrieben wird. Wenn Alpha in den frühen 2030er Jahren in Betrieb geht, soll es einen Nettoenergiegewinn erzielen – also mehr Strom aus seinem Plasma erzeugen, als es verbraucht – ein Meilenstein, den noch kein Stellarator erreicht hat.

Ein Erfolg bei Alpha würde den Weg für Stellaris ebnen, ein vollwertiges kommerzielles Kraftwerk, das in Gundremmingen, Bayern, geplant ist – dem Standort eines Kernspaltungskraftwerks, das derzeit von RWE stillgelegt wird. Die Symbolik ist bewusst: Deutschlands postnukleare Energiezukunft könnte genau an dem Ort geschrieben werden, an dem seine nukleare Vergangenheit beendet wird.

Der Stellarator-Unterschied

Die meisten Fusionsprojekte – darunter der massive internationale ITER-Reaktor in Frankreich und mehrere hochkarätige US-Startups – verfolgen das Tokamak-Design, das superheißes Plasma in einer ringförmigen Magnetkammer hält. Proxima Fusion hat einen anderen Weg eingeschlagen und setzt auf Stellaratoren, die ihr Magnetfeld in eine weitaus komplexere Geometrie verdrillen.

Der Vorteil ist die Stabilität. Tokamaks benötigen periodische, störende Pulse, um das Plasma aufrechtzuerhalten, während Stellaratoren theoretisch einen kontinuierlichen Betrieb aufrechterhalten können. Der Nachteil war in der Vergangenheit die außerordentliche technische Komplexität ihrer verdrehten Spulen – eine Herausforderung, die Proxima nach eigenen Angaben nun mit Hilfe von Hochtemperatur-Supraleitern und fortschrittlicher Computersimulation bewältigen kann.

Wer zahlt?

Das 2-Milliarden-Euro-Projekt Alpha verteilt sich auf mehrere Beteiligte. Bayern hat bis zu 400 Millionen Euro an staatlicher Kofinanzierung zugesagt. Die deutsche Bundesregierung wird voraussichtlich rund 1,2 Milliarden Euro beisteuern – vorbehaltlich der formellen Genehmigung im Laufe des Jahres 2026 – im Rahmen ihrer umfassenderen Zusage von über 2 Milliarden Euro für die Fusionsforschung bis 2029. Private Investoren, einschließlich des eigenen Fundraisings von Proxima, werden voraussichtlich die verbleibenden rund 20 Prozent decken.

RWE, das sowohl finanzielle als auch Standortfunktionen innehat, tritt einem Industriekonsortium namens Alpha Alliance bei – mehr als 30 europäische und internationale Unternehmen, darunter Siemens Energy, Air Liquide, Thales und Eni –, das mit dem Aufbau der Lieferketten und der Produktionskapazität im großen Maßstab beauftragt ist.

Ein Wettlauf, den sich Europa nicht leisten kann zu verlieren

Europa ist nicht der einzige Akteur, der sich schnell bewegt. In Massachusetts baut Commonwealth Fusion Systems SPARC, einen kompakten Tokamak, der 2027 sein erstes Plasma erzeugen will. Auch China hat seine Fusionsinvestitionen beschleunigt. Proxima-CEO Francesco Sciortino argumentierte unverblümt, dass die Absichtserklärung "die europäische Fusionsindustrie sichtbar auf der globalen Bühne positioniert".

Wenn Alpha erfolgreich ist, wäre es der erste Stellarator überhaupt, der einen Nettoenergiegewinn demonstriert – und das Sprungbrett für Stellaris, um vor 2040 Strom in europäische Haushalte zu liefern. Die Einsätze, sowohl wissenschaftlicher als auch geopolitischer Natur, könnten kaum höher sein.

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